Der Beobachter

Der Beobachter ist mit der beobachteten Realität untrennbar verbunden.

― Werner Heisenberg

A – Das ist richtig in dem Sinne, wie der Werner seinen Satz wohl versteht: Ohne Beobachter keine „Realität“. Ohne Spiegel nichts Gespiegeltes.

B – In einem anderen Sinne ist er nicht richtig: Zwischen dem Beobachter und dem, was wir im alltäglichen Leben „Realität“ nennen, gibt es keine „Verbindung“. So, wie es auch zwischen einem Spiegel und dem Gespiegelten keine wirkliche Verbindung gibt.

Alles Geschehen hat keinen
Einfluß auf den Beobachter.

So, wie auch Gespiegeltes keine Wirkung auf den Spiegel ausübt.

Präsenz

Niemand kann sein Glück genießen, ohne daran zu denken, daß er es genießt.

– Samuel Johnson

Aus einer Perspektive gesehen, ist die Aussage nicht wahr.
Aus einer etwas anderen Perspektive gesehen, ist sie wahr.

1. Jedermann kann Augenblicke des Glücks genießen, ohne daß der Verstand involviert ist. Allerdings wird er dann nicht von “Glück” sprechen, er wird den augenblicklichen Zustand der Freude nicht mit einem Zustand von gestern vergleichen. Er ist (von Außen gesehen) glücklich, ohne dies selber zu wissen (ähnlich einem Baby). Aus dieser Perspektive gesehen, ist die Aussage nicht wahr.

2. Andererseits gibt es den Begriff Glück nur, wenn und weil es den Vergleich gibt. Vergleich ist ohne den aktiven intellektuellen Verstand nicht möglich. Auch die Kommunikation über ein Gefühl des Glücks ist ohne diesen Verstand nicht möglich. Aus dieser Perspektive gesehen, ist die Aussage wahr.

Die erstgenannte Art von Sein in totaler Präsenz und von Handeln in totaler Präsenz ist uns noch fremd und wird deswegen auch leicht übersehen, wenn es denn mal passiert. Hinzu kommt, daß in Momenten der Präsenz die Gedächtnis- Aufzeichnungen noch dünner sind, als eh schon. Das ist auch ein Grund, warum uns die Meditation als so wertlos erscheint: Wir erinnern uns ja nicht einmal! Deshalb ist uns das Denken von so hohem Wert und das Im-Gedankenfreien-Moment-Sein, dagegen… eher suspekt.

Wir denken,
daß wir nur dann
sind, wenn wir denken.

Ob es denn so ist, daß wir nur dann sind, wenn wir denken, oder ob wir auch dann sind, wenn wir nicht denken, kann jeder Einzelne für sich selber herausfinden!

Dazu bedarf es lediglich die Bereitschaft zu scharfer Beobachtung. Aber Achtung: Sobald wir interpretieren, ist der Verstand schon wieder im Rennen.

Erkenne dich selbst !

Erkenne dich selbst! stand am Eingang der antiken Welt geschrieben. Über den Eingang der neuen Welt wird geschrieben stehen: Sei du selbst!

– Oscar Wilde

Und wie willst du du selbst sein, so lange du dich noch gar nicht erkannt hast? Wer dem ersten Imperativ gefolgt ist, für den ist der zweite irrelevant, obsolet.

Die Bedeutung des „Erkenne dich selbst!“ wird bleiben, solange es Menschen gibt. Es ist kein Phänomen eines bestimmten Zeitalters: Es handelt sich hier um einen Hinweis auf dem Weg des spirituell Suchenden.

Wer sich selbst erkannt hat, braucht den zweiten Imperativ nicht mehr – auch nicht als netten Hinweis: Die beiden Aufforderungen befinden sich nicht auf der selben Ebene.

„Sei du selbst“ dagegen ist… bloß eine psychologische Empfehlung auf der sozialen Ebene. Dafür ist Bewußtheit keine Vorausetzung.

Sich selbst erkennen wollen, ist keine „antike“, keine vergangene Geschichte, sondern eine immer zeitgemäße, individuelle, nach innen gerichtete Wissenschaft.

Aspekte der Freiheit

Viele Philosophen meinen, dass wir auch in einer naturgesetzlich determinierten Welt einen freien Willen haben können.

– Geert Keil

(Reclam-Klappentext zu „Willensfreiheit und Determinismus“)

Was „viele Philosophen“ dazu „meinen“, ist nicht erheblich. Interessant ist, ob wir alle grundsätzlich (oder partiell) frei  s i n d  –  oder es nicht sind.

Hier geht es um mehr als nur  e i n e n  Aspekt des Begriffs „Freiheit“:

◾ Handlungs-Freiheit
◾ Universelle Freiheit
◾ Freiheit des Willens
◾ Körperliche Freiheit
◾ Gedankliche Freiheit
◾ Wahrnehmungs-Freiheit
◾ Außerkörperliche Freiheit

Gut möglich, daß wir in Wirklichkeit gar keine Wahl haben.

Vielleicht sagt uns das unsere Wissenschaft in Kürze oder hat es schon getan, aber: Wir könnten keine vierzehn Tage überleben, würden wir uns nicht mindestens in der Illusion wiegen, frei zu sein… im Wollen und im Tun, im Denken und in der Wahrnehmung!

Ein Schaf fühlt sich vielleicht grenzenlos frei, wenn es
sich im Schutz der Herde innerhalb einer für uns klar
erkennbaren Umzäunung bewegt.

Die Frage ist also nicht so sehr, ob wir frei  s i n d,
sondern ob wir uns als frei  e r l e b e n,  denn:

Können wir Zäune überwinden, die
wir gar nicht als solche erkennen ?

Eine Grenze können wir nur dann überwinden, wenn wir sie
1. als solche sehen,
2. als solche anerkennen und dann
3. als solche „verletzen“ oder reißen.

Grenzen sind Denkgebilde.

Selbst in einer Gefängniszelle kann man sich frei fühlen. Die Klosterzelle bietet kaum mehr Freiraum und doch begeben sich viele Leute freiwillig und über viele Jahre in eine solche. Manche bis zum Ende ihres Lebens – ohne sich auch nur einen Augenblick lang unfrei gefühlt zu haben.

Und wer kennt schon seine Denk-Grenzen? Wer kennt die absoluten Grenzen seiner mentalen Möglichkeiten?

Ich nehme mal an, wir haben 25 Sinne der Wahrnehmung zur Verfügung. Meinetwegen können wir uns zusätzlich auch noch ein paar technische Hilfskonstruktionen (Krücken) bauen, um damit den einen oder anderen Sinn ein bißchen zu erweitern, aber irgendwo ist die absolute Grenze.

Also sind wir in dieser Inkarnation als Mensch wohl nicht wirklich frei: Unsere Sinne begrenzen uns. Unser Vorstellungsvermögen begrenzt uns. Körperlich sind wir in unserem Bewegungsradius eingeschränkt. Im Denken sind wir begrenzt. Unser Erinnerungsvermögen ist rudimentär. Fühlen können wir nur, was wir fühlen können und nichts darüber hinaus. Können wir mehr wollen, als wir wollen? – Können wir überhaupt wollen, was wir wollen?

Trotz aller Begrenzungen haben wir alles, um ein zufriedenes, ein aufregendes, ein intensives, ein erfüllendes, ein auf vielen Ebenen reiches Leben führen zu können.

O.k., womöglich können wir es nicht wirklich „führen“, 😉
doch können wir viele seiner Nuancen bewußt erleben.

Ob determiniert oder nicht, geht die (echte) Philosophie nichts an. Warum nicht? Weil sich hier das Feld der Spekulationen (2) auftut und das ist nicht die Ebene der Weisheit (6), also nicht das Feld der Philosophie. Auf jeden Fall sind wir so frei, daß wir als Menschen die anstehenden Erfahrungen machen und (geistig) reifen können.

kunstschaffende: „Wahre Freiheit findet für mich nur im Geiste statt!“

Die körperliche Bewegungs-Freiheit ist aber auch nicht zu verachten.
Solltest du die außerkörperliche meinen: Da könntest du Recht haben.

kunstschaffende: „Die Gedanken Freiheit ist noch nicht sichtbar!“

Auch wenn du sie (noch) nicht sehen kannst: Sie ist da. Im Rahmen dessen, was dir der Verstand ermöglicht, hast du alle Freiheiten der Welt. Wer wollte oder könnte sie dir nehmen? – Wenn wir mal von den Konditionierungen, die in den frühen Jahren stattgefunden haben, absehen. Und da wären noch die Prägungen und somit Einengungen, die sich jeder, zum Beispiel mittels seines „Weltbildes“ und den internalisierten Wertvorstellungen, selber konstruiert.

Innerhalb all dessen:
Gedankenfreiheit. 🌾

Reichtum

Den größten Reichtum hat,
wer arm an Begierden ist.

– Lucius Annaeus Seneca

Das stimmt nicht so ganz, Lucius Annaeus.

1. Unausgesprochen wird mit Reichtum meistens mit Glück assoziiert. Glück ist aber nichts weiter als eine plötzliche und nicht lang andauernde Ausschüttung von Glücks-Hormonen.

2. Was verstehen wir selber unter Reichtum?

• Reichtum durch unsere Weisheit?
• Reichtum durch die Fähigkeit zu Mitgefühl?
• Reichtum durch unseren Zugang zur Intelligenz?
• Reichtum durch zu bekommende Dienstleistungen?
• Reichtum durch den Zugang zu vielen materiellen Gütern?
• Reichtum als Gefühl, aufgrund öffentlicherer Aufmerksamkeit?
• Reichtum durch hohe (Geld-)Zahlen auf Papier oder dem Bildschirm?

Reichtum – und damit das Gefühl von Glück – ist abhängig von äußeren Umständen, die mittels der Hormone kurzfristig unser Befinden angenehm beeinflussen.

3. Dauerhafter, jedoch nicht ganz so spektakulär in ihren Ausschlägen 😉 ist die Zufriedenheit.  Sie ist eine andere Kategorie. Zufriedenheit ist nicht davon abhängig, ob wir viel oder wenig von was auch immer zur Verfügung haben.

Zufriedenheit ist eine
Folge von Erkenntnis.

Das unentwegte Streben nach (noch mehr) Reichtum, sowie die erfolglosen Versuche, Begierden zu befried(ig)en, zeigen uns auf den unteren Ebenen unserer Geistigen Reife – Zufriedenheit auf den höheren. Sie ist nicht so leicht durch wegnehmen oder hinzufügen (von was auch immer) zu stören.

4. Gegenüber unseren Begierden das „Opfer“ zu geben, ist nur EINE Möglichkeit, denn neben den Instinkten, die uns mit den anderen Tieren verbinden, sind wir auch in der Lage, bewußt zu sein: Selbst die stärksten Begierden können wir kommen und gehen sehen – ohne ihnen blind folgen zu müssen.

Unser größter Reichtum ist das Bewußtsein. 🌷

Wahrnehmung

Zierlich Denken und süß Erinnern
Ist das Leben im tiefsten Innern.

– Johann Wolfgang von Goethe

Zierlich und süß… 😳

Du scheinst bereits mit Wenigem zufrieden zu sein, Johann Wolfgang, denn Denken und Erinnern spielt sich an unserem Rande ab.

„Im tiefsten Innern“…  findest du Bewußtsein

Erstaunlich, daß du noch nicht darauf gestoßen bist. – Bei deiner Beobachtungsgabe!

Wahrnehmen 
ist vor dem Denken
und vor dem Erinnern.

Wie könntest du etwas erinnern, das du nicht schon vorher wahrgenommen hättest? Was ermöglicht es dir, das eigene Denken und Erinnern wahrzunehmen? Also: 

Wahrnehmung ist bedeutender. . .  als die Erinnerung.

Mal ganz abgesehen davon, daß – im Gegensatz zum Wahrnehmen – das Erinnern immer brüchig bleibt und sukzessive rudimentärer wird.

Wahrnehmung geschieht, bevor Denken
und Erinnern zu funktionieren beginnen.

Und Wahrnehmen geschieht auch dann, wenn sich Denken und Erinnern bereits langsam verabschieden.