Heilung statt Opfertum

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ARD-Sendung: „Günther Jauch“ am 26.4.2015 – In blau: Eva Mozes Kor

Eva Mozes Kor hatte dem früheren SS-Mann Oskar Gröning bei einem persönlichen Treffen gesagt, dass sie ihm vergeben hat. Sie trat im Jahr 2015 in Lüneburg als Nebenklägerin auf.

Ich habe den Nazis vergeben.“

„Man muss miteinander sprechen.“, sagte sie, wir seien schließlich alle Menschen. Außerdem dürften die Opfer nicht in ihrer Opferrolle bestärkt werden:

Die Opfer müssen geheilt werden, damit sie keine neuen Täter werden.“

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Links: Eva Mozes Kor (vorne mit ihrer Zwillingsschwester) Rechts: Oskar Gröning – 1944 in Auschwitz

Der frühere SS-Unterscharführer und „Buchhalter von Auschwitz“, der zur Zeit des Verfahrens 93-jährige Oskar Gröning, der an der Bahnrampe des Vernichtungslagers die Wertsachen von Hunderttausenden Juden eingesammelt hatte, wurde der Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen beschuldigt.

Eva Mozes Kor war zehn Jahre alt, als sie 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Sie und ihre Zwillingsschwester gerieten in die Hände des KZ-Arztes Josef Mengele, der medizinische Experimente an den Mädchen durchführte. Ihre Eltern und ihre älteren Schwestern starben in den Gaskammern. Sie selbst hatte die Spritze des Arztes überlebt, weiß aber bis heute nicht, was man ihr antat, ihr injizierte hatte, welche Experimente an ihr durchgeführt wurden. Darauf bezugnehmend sagte sie:

„Ich lebe und verschwende nicht meine Energie für Angst. Ich hoffe, ich lebe noch 30 Jahre und kann am 100. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz dabei sein.“

Die Akten über die Versuche des Arztes seien verschwunden, so Mozes Kor. Ihr Appell an die Zuschauer, Hinweise über die Akten weiterzutragen war auch ein Hinweis, dass es hier weniger um Schuld, sondern viel mehr um Aufklärung gehen sollte.

„Eines möchte ich jedoch wissen: Mengeles Akten sind verschwunden. Ich weiß seit 70 Jahre immer noch nicht, was man uns injizierte. Und hätte ich es gewusst, wäre meine Schwester vermutlich noch am Leben. Wenn jemand irgend etwas über die Akten weiß, soll er sich bitte bei Günther Jauch melden.“

Vergebung und Heilung sind wichtig.“

„Wenn wir eine bessere Welt wollen, müssen wir aufhören anzuklagen und miteinander sprechen. Deshalb bin ich zu Gröning hingegangen und habe gesagt, dass ich ihn akzeptiere und respektiere und dass er sich jetzt vor Gericht verantworten muss.“

Eva Mozes Kor sagte: „Es interessiert mich nicht, einen alten Mann ins Gefängnis zu bringen.“ Selbst wenn jeder Nazi gehängt werden würde, wäre ihr Leben noch immer das gleiche, hätte sie als Überlebende schrecklicher Experimente den gleichen Preis zu zahlen, das helfe ihr nicht.

Wir müssen mit dem Anklagen aufhören.“

Gröning solle nicht ins Gefängnis. Er solle in die Schulen gehen und dort erzählen, was damals passiert ist – auch dies helfe gegen die heutigen Neonazis. Den Opfern glaube man ja nicht, die neuen Nazis behaupten, das alles wäre erfunden. Aber wenn die alten Nazis darüber sprächen, das mache einen Unterschied.

„Deshalb möchte ich appellieren an alle Nazis, die in Deutschland und auf der Welt noch am Leben sind. Schreibt eine Erklärung und gebt sie an die Presse. Legt Zeugnis ab, für das was geschehen ist. Denn die neuen Neonazis machen sich keine Gedanken über uns Überlebende.“

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Eva Mozes Kor und Oskar Gröning — 2015 in Lüneburg

Auch die heutige Gesellschaft kritisierte sie. Es werde immer nur das Opfertum gepflegt: „Ach, du armes Seelchen“.

„Ich bin kein Opfer“, widerspricht sie Günther Jauch vehement, „ich bin eine Überlebende. Ich weigere mich, Opfer zu sein!“ Und ergänzt:

Es ist nichts Glorreiches, Opfer zu sein.“

Zum Schluß der Sendung resümiert Frau Kor:Vergebung und Heilung hat hier auf diesem Podium – außer mir – niemand akzeptiert.“

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Die Beteiligten an dieser kleinen Gesprächsrunde schienen mir bezüglich des Ansinnens der Frau Kor überfordert zu sein. Es war keine Offenheit ihr gegenüber zu spüren. Ihre Geste ist uns wohl einfach zu neu, noch zu fremd.

Wir kleben immer noch zu sehr an der kindischen (2) Idee der Schuld. Wir sind es gewohnt, in Opfer und Täter zu spalten und die Jurisprudenz unterstützt uns dabei.

Eine etwas reifere Gesellschaft wird, zusammen mit einer Frau Kor, im Erwachsenen-Stadium (4) die Versöhnung bevorzugen.

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Ob der Sinn der Aufforderung eines Jesus von Nazareth:
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (außer von Frau Kor) wohl jemals verstanden wird?

„Ihr habt gehört, dass es im Gesetz von Mose heißt: `Liebe deinen Nächsten´ und hasse deinen Feind. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt 5:43-45)