Imperativ

Handle nur nach derjenigen Maxime,
durch die du zugleich wollen kannst,
daß sie ein allgemeines Gesetz werde!

– Immanuel Kant

Du bist mit deinem Imperativ ein bißchen zu streng, Immanuel: Du setzt einen (zu) hohen Grad an Geistiger Reife voraus. Das ist deshalb nicht ganz seriös, weil du mit deiner kategorischen Forderung die Gegebenheiten nicht berücksichtigst.

Möglicherweise hast du diesen Satz (vor lauter Begeisterung ✨) vom alten Konfuzius abgeschrieben? Denn der formulierte dasselbe bereits 22 Jahrhunderte vor deiner Zeit jedoch nicht als Forderung, sondern als selbstverständliches Faktum:

Der EDLE bewegt sich stets so, daß sein Auftreten zu jeder Zeit als allgemeines Beispiel gelten kann. Er benimmt sich so, daß sein Verhalten jederzeit als allgemeines Gesetz dienen kann. Und er spricht so, daß sein Wort zu jeder Zeit als allgemeine Norm gelten kann.

– Konfuzius

Im Unterschied zu dir unterscheidet Konfuzius zwischen den Edlen und den Gemeinen. Seine Erwartung richtet sich realistischerweise an die kleinere der beiden Gruppen und nicht an Jedermann.

Konfuzius richtet sich an die Lehrer.

Nicht an die, im Sinne von „Pauker“, sondern an die Vorbildlichen, an die Lehrenden. Und zwar mit einem hohen Anspruch!

  • Vorbildhaftigkeit kann nur von den Wenigen gefordert und erwartet werden.

Nämlich von denen, die auch die Kapazität dazu haben; bei denen die Geistige Reife, das Notwendige und Richtige aus sich selbst heraus (!) erkennen zu können, bereits vorhanden ist.

Die große Masse… braucht die von außen aufoktroyierten Gesetze und Gebote.

Konfuzius bezieht sich auf den Geistigen Reifegrad mindestens des Erwachsenen (4), eher auf den des Lehrers (5). Geistige Reife ist aber keine Sache der Klugheit (IQ), des Standes, der Bildung, des Intellekts oder der Macht! Auch nicht die einer besonderen Fertigkeit oder eines Talents.

Geistige Reife  📌

Und, Immanuel, hast du von ihm abgeschrieben? 😎

Es wird wohl keinen deutschen „Philosophen“ geben, der nicht bei dem einen oder anderen Mann aus dem fernen Osten abgekupfert hat. In Sachen Weisheit (6) haben sie nun mal die Nase vorn.

Adel  📌

Dichtung oder Wahrheit

Die Dichter lügen zu viel.

– Friedrich Nietzsche

Das ist ein bedeutender Grund, warum der Platon keine Dichter in seinem Staat haben wollte.

Anders die (echten!) Philosophen: Sie sind Freunde der Weisheit und damit ganz selbstverständlich auch… Freunde der Wahrheit.

Platon  📌

Freiheit

Wenn Sie mich, als Künstler, fragen, was ich in dieser Welt zu tun habe, werde ich immer antworten: Ich bin hier, um laut zu leben.

– Émile Zola

Da die Erde wohl mehr leise als laute Menschen beherbergt, macht es nichts, wenn du vorübergehend ordentlich Lärm machst.

Aber warum? Hast du etwas Wichtiges zu sagen oder zu zeigen?

Oder willst du Aufmerksamkeit – einfach nur, um beachtet zu werden? Frei nach René Descartes: „Ich werde gesehen, also bin ich.“ ?

Deine Formulierung: „werde ich immer antworten…“ erinnert mich an eine Drehleier. Die hatte das auch mal beschlossen und wich niemals von ihrem Repertoire ab.

Es ist dumm, sich derart festzulegen. Du weißt doch gar nicht, ob du nicht schon morgen etwas leiser auftreten magst. Vielleicht ist dir übermorgen sogar die Einsiedelei näher als die Bühne?

Wir Menschen sind frei.

Diese Freiheit beinhaltet, daß einige von uns unnötigerweise die verrücktesten Schwüre ablegen, ohne den Fluß des Lebens in seiner Wildheit zu berücksichtigen.

Wahrnehmung

Zierlich Denken und süß Erinnern
Ist das Leben im tiefsten Innern.

– Johann Wolfgang von Goethe

Zierlich und süß… 😳

Du scheinst bereits mit Wenigem zufrieden zu sein, Johann Wolfgang, denn Denken und Erinnern spielt sich an unserem Rande ab.

„Im tiefsten Innern“…  findest du Bewußtsein

Erstaunlich, daß du noch nicht darauf gestoßen bist. – Bei deiner Beobachtungsgabe!

Wahrnehmen 
ist vor dem Denken
und vor dem Erinnern.

Wie könntest du etwas erinnern, das du nicht schon vorher wahrgenommen hättest? Was ermöglicht es dir, das eigene Denken und Erinnern wahrzunehmen? Also: 

Wahrnehmung ist bedeutender. . .  als die Erinnerung.

Mal ganz abgesehen davon, daß – im Gegensatz zum Wahrnehmen – das Erinnern immer brüchig bleibt und sukzessive rudimentärer wird.

Wahrnehmung geschieht, bevor Denken
und Erinnern zu funktionieren beginnen.

Und Wahrnehmen geschieht auch dann, wenn sich Denken und Erinnern bereits langsam verabschieden.

Was ist die Wahrheit?

Einstein, Materie, Nirmalo

Jemand sagt: „Die Sonne ist untergegangen“. Ist das wahr?

Nein: Die Sonne scheint und scheint und scheint – so scheint es und so sagen es uns die Astronauten. Die Sonne wird die nächsten Generationen oder Jahrtausende über nicht ein einziges Mal unter gehen, sagen die Astrophysiker. Das ist wohl wahr.

Dennoch ist es ebenfalls wahr, wenn jemand sagt: „Die Sonne ist untergegangen“, weil ihre Scheibe gerade hinter dem Horizont verschwunden ist (apropos „Scheibe“). Man weiß allgemein, was gemeint ist, es ist gesellschaftliche Gepflogenheit. Man versteht sich.

Letztendlich ist es nicht wahr, das mit dem Sonnenuntergang – und dennoch handelt es sich nicht um Unwahrheit, nicht um eine Lüge.

Das Wort Wahrheit ist ein höchst bedeutendes – aber es muß
in seinem Kontext definiert sein, andernfalls gibt es Konfusion.

Wenn Albert Einstein sagt: Es gibt keine Materie, liegt er damit wohl richtig: Er sagt die Wahrheit.

Dennoch, wenn der Mann die offene Tür ignoriert und den Weg durch die massive Wand wählt, holt er sich eine blutige Nase. Denn das Mauerwerk besteht aus Materie. Das ist ebenfalls wahr.

Beide Aussagen…

• Die Materie bestimmt unser gesellschaftliches Leben
• Es gibt keine Materie

…sind wahr, jede in ihrem Kontext.

Wer sagt, es gäbe nur eine einzige Wahrheit, lügt – oder weiß es nicht besser, bzw. sieht nicht genau genug hin.

Man könnte auch sagen:
Materie ist eine handfeste Illusion.

Wahrheit  📌

Eigentum

Alles ist fremdes Gut, nur die Zeit ist unser Eigen.

– Lucius Annaeus Seneca

Eine nette Illusion, denn nicht einmal sie, die Zeit, ist unser Eigen. Die Wahrheit: Real ist nur der Moment. Aber selbst der gehört uns nicht. In ihm geschieht unser Leben.

Zeit, Fremdheit und Eigentum haben keine Realität, sondern sind kollektive Ideen. Haben wir sie nur lange genug gehegt, erscheinen sie uns… beinahe als „wirklich“.

Nichts ist fremdes Gut,
nichts ist unser Eigen.

Und drittens: Selbst unsere Körper… sind nur Leihgaben.

Viertens ist auf der sozialen Ebene, im gesellschaftlichen Umgang miteinander, die Idee von Eigentum selbstverständlich von großem Nutzen! Hier braucht es die Regeln und andere Hilfskonstrukte, sowie auch Uhr und Kalender.

Zweite Seite zu…  Eigentum  📌